Skelettalter-Messung
Peter Ascheid-Böddeker – Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin
Die Beurteilung der Skelettentwicklung gehört zu den wichtigsten Maßnahmen der Entwicklungsdiagnostik im Kindes- und Jugendalter und ermöglicht eine recht zuverlässige Prognose des weiteren Wachstums. Als Skelettalter oder Knochenalter bezeichnet man das Alter, in dem der Durchschnitt der Bevölkerung den gleichen Stand der Skelettentwicklung erreicht hat wie die untersuchte Person.
Das Skelettalter kann vom tatsächlichen Lebensalter abweichen, ohne dass eine Erkrankung vorliegt. Genau diese Abweichung ist der Kern der Untersuchung, denn sie zeigt, wie viel Wachstumspotenzial noch vorhanden ist. Auf dieser Grundlage lassen sich das derzeitige Knochenalter und die voraussichtliche Endgröße ermitteln.
Was das Skelettalter aussagt
Kinder wachsen nicht gleichmäßig und nicht im gleichen Tempo. Zwei gleichaltrige Kinder können sich in ihrer körperlichen Entwicklung deutlich unterscheiden, obwohl beide völlig gesund sind. Das Lebensalter allein sagt deshalb wenig darüber aus, wie weit das Wachstum bereits fortgeschritten ist.
Das Skelettalter liefert diese fehlende Information. Liegt es unter dem Lebensalter, steht dem Kind in der Regel noch mehr Wachstum bevor als der Blick auf den Kalender vermuten lässt. Ist es voraus, nähert sich das Wachstum früher seinem Abschluss. Diese Einordnung ist die Voraussetzung für jede Größenprognose.
Wie das Knochenalter bestimmt wird
Während des Wachstums wird das Knochenalter in der Regel aus einem Handröntgenbild bestimmt. Die Hand eignet sich dafür besonders gut, weil sie zahlreiche kleine Knochen mit unterschiedlichen Reifungsstadien auf engem Raum vereint und sich mit geringem Aufwand darstellen lässt.
Beurteilt werden die wachstumsbedingten Veränderungen der Handgelenk- und Fingerknochen sowie der Epiphysenfugen, also der Wachstumsfugen. Deren Erscheinungsbild verändert sich im Verlauf der Kindheit und Jugend in einer charakteristischen Abfolge. Der Vergleich dieser Merkmale mit Referenzwerten ergibt das Skelettalter.
Von der Aufnahme zur Größenprognose
Ist das Knochenalter ermittelt, lässt sich anhand der Tabellenwerte von Bayley und Pinneau eine ziemlich genaue Voraussage der endgültigen Körpergröße treffen. Dabei wird die aktuelle Körpergröße mit dem zum jeweiligen Skelettalter gehörenden Anteil am Gesamtwachstum in Beziehung gesetzt.
Zur Auswertung kommt eine leistungsfähige Analysesoftware zum Einsatz. Sie unterstützt die Beurteilung der Aufnahme und die Berechnung, ersetzt jedoch nicht die ärztliche Einordnung des Ergebnisses. Erst im Zusammenhang mit Vorgeschichte, Wachstumsverlauf und Familienkonstellation wird aus einer Zahl eine belastbare Aussage.
Wann eine Bestimmung des Skelettalters sinnvoll ist
Anlass für die Untersuchung ist häufig die Sorge, das eigene Kind sei auffällig klein oder auffällig groß im Vergleich zu Gleichaltrigen. Auch ein plötzlich veränderter Wachstumsverlauf, eine sehr früh oder sehr spät einsetzende Pubertätsentwicklung oder eine große Abweichung von der aus der Elterngröße errechneten Zielgröße können Gründe sein.
Darüber hinaus wird das Skelettalter bei bestimmten orthopädischen Fragestellungen benötigt, etwa bei Beinlängendifferenzen, Achsfehlstellungen oder Wirbelsäulenverkrümmungen. Ob die Untersuchung im Einzelfall angezeigt ist, lässt sich erst nach ärztlicher Untersuchung und Erhebung der Wachstumsdaten entscheiden.
Warum Kinder unterschiedlich schnell wachsen
Das Wachstum wird von der genetischen Veranlagung, von Hormonen, von der Ernährung und vom allgemeinen Gesundheitszustand beeinflusst. Ein erheblicher Teil der Unterschiede zwischen Gleichaltrigen ist schlicht eine Frage des Zeitpunkts: Frühentwickler haben ihren Wachstumsschub vor den Gleichaltrigen, Spätentwickler danach.
Ein Kind, das zeitweise zu den kleinsten in der Klasse gehört, kann diesen Rückstand später vollständig ausgleichen. Umgekehrt kann ein früh sehr großes Kind früher mit dem Wachstum abschließen. Die Skelettalter-Messung macht diese Zusammenhänge sichtbar und nimmt vielen Familien damit unnötige Sorgen.
Bedeutung für orthopädische Behandlungen
Bei einer Reihe von Behandlungen im Wachstumsalter kommt es weniger auf das Lebensalter als auf das verbleibende Wachstumspotenzial an. Das gilt etwa für die Einschätzung, ob eine Wirbelsäulenverkrümmung noch fortschreiten kann, oder für die Frage, wie sich eine bestehende Beinlängendifferenz bis zum Wachstumsabschluss entwickeln wird.
Auch wachstumslenkende Maßnahmen sind an ein Zeitfenster gebunden, das sich mit dem Abschluss der Wachstumsfugen schließt. Das Skelettalter liefert hier die entscheidende Grundlage für die zeitliche Planung und hilft, sowohl verfrühte als auch verspätete Entscheidungen zu vermeiden.
Aussagekraft und Grenzen der Prognose
Die Größenprognose ist ein statistischer Erwartungswert und keine feste Zusage. Die tatsächliche Endgröße kann von der errechneten Größe abweichen, in der Regel um einige Zentimeter nach oben oder unten. Am zuverlässigsten sind die Aussagen, wenn Wachstumsverlauf und Pubertätsentwicklung regelrecht verlaufen.
Weniger genau werden Prognosen bei stark abweichender Entwicklung, bei hormonellen Erkrankungen oder in sehr frühen Lebensjahren. Wiederholte Messungen im Abstand von Monaten oder Jahren erhöhen die Aussagekraft, weil sie nicht nur einen Zeitpunkt, sondern eine Entwicklung abbilden.
Ablauf der Untersuchung
Der Ablauf ist unkompliziert. Nach dem ärztlichen Gespräch und der Erfassung von Körpergröße, Gewicht und bisherigem Wachstumsverlauf wird eine Röntgenaufnahme der Hand angefertigt. Die Aufnahme selbst dauert nur wenige Augenblicke und ist schmerzfrei; das Kind muss lediglich die Hand ruhig auflegen.
Sinnvoll ist es, vorhandene Untersuchungshefte oder Größenaufzeichnungen aus früheren Vorsorgeuntersuchungen mitzubringen. Wie bei jeder Röntgenuntersuchung wird die Notwendigkeit zuvor ärztlich geprüft. Die Auswertung und Besprechung des Ergebnisses erfolgen im Anschluss.
Bedeutung der Skelettalter-Messung im Alltag
Die Frage, wie groß das eigene Kind einmal wird, beschäftigt viele Eltern. Die Skelettalter-Messung beantwortet sie nicht mit einer Zahl allein, sondern ordnet die Entwicklung des Kindes in den zu erwartenden Verlauf ein. Häufig zeigt sich dabei, dass eine vermeintliche Auffälligkeit eine normale zeitliche Variante ist.
Für die Betroffenen entsteht daraus Planungssicherheit, sei es im Hinblick auf orthopädische Maßnahmen, auf sportliche Ziele oder einfach auf die Einschätzung der eigenen Entwicklung. Die Auseinandersetzung mit dem Thema ist damit für alle relevant, die das Wachstum eines Kindes verlässlich einordnen möchten.
Sie haben Fragen zur Skelettalter-Messung? Rufen Sie uns an: 033762 82338-0
Hinweis: Dieser Text dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung.